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Auf der Flucht


Kinder, neulich beim Lunch im Bistro bin ich wieder einmal ein paar skurrilen Figuren begegnet und möchte die Gunst der Stunde nutzen und Euch von diesem, na ja, sagen wir mal, ungewöhnlichen, aber gleichsam interessanten Schauspiel zu berichten.

Als ich hereinkam verfing sich mein Blick sogleich an einem Pärchen das an einem der Bistrotische Platz genommen hatte, denn irgendetwas stimmte nicht an dem Bild das sich mir bot und das auch Star-Designer Thomas Raths zwanghafte Asymmetrie-Sucht ordentlich aus den Fugen gerückt hätte. Sie saß, relativ üblich für ein Stell-Dich-Ein zum Mittagessen, er allerdings stand und hatte seine Jacke an. Vielleicht waren die beiden aber auch auf dem Sprung und er hatte sich in weiser Voraussicht auf das momentan unberechenbare Wetter bereits angezogen. Als jedoch ein weiteres Glas Wein für die Frau gebracht wurde, wurden alle Anzeichen dafür, dass irgendwer gerade vorhatte zu gehen wieder von der Tischdecke gewischt.

Ich wunderte mich noch kurz, widmete mich dann aber wichtigeren Dingen um dann doch wieder vom Wege abzukommen als ich feststellte, dass die beiden, sie saß weiterhin, er stand weiterhin, nicht auch nur den leisesten Anschein machten sich mit auch nur einem Wort miteinander zu unterhalten. Komisch. Hatten die beiden sich nichts zu sagen? Hatten sie sich vielleicht nichts mehr zu sagen? Sprechen hören hatte ich sie bereits beide als sie ihre Bestellung aufgaben. Aber nun so gar nicht miteinander zu reden? Das fand ich schon komisch.

Die Situation, wenn auch nicht mittelbar gleich, erinnerte mich an eine meiner ältesten Freundinnen. Vor einigen Jahren fragte ich sie einmal was sie und ihr damaliger Freund denn eigentlich so zusammen machen würden. Sie antwortete mir: „Ach, vieles. Wir gehen zum Beispiel oft zusammen ins Café und dann liest jeder für sich sein Buch.“

Joa, so kann man’s auch machen. Macht man vielleicht in Fachkreisen auch so, aber irgendwie habe ich bis heute nicht verstanden was daran „etwas zusammen machen“ ist. Ich muss jedoch immer wieder einsehen, dass Menschen verschieden sind und dass es Dinge gibt, die für zwei unterschiedliche Menschen nicht das gleiche bedeuten.

Dennoch fiel es mir schwer zu beobachten wie diese beiden Figuren beim Mittagessen im Bistro einfach so gar nicht miteinander sprachen. Die Frau wirkte ziemlich fahrig, ihre Haare fielen flusig aus dem scheinbar länger nicht gewaschenen kurzen flatterigen Pferdeschwanz, den sie ohne Erfolg versuchte mit einem dicken schwarzen Samtzopfgummi zu bändigen. Wir alle wissen natürlich seit Sex and the City und dem Carrie-Bradshaw-und-Jack-Boerger-Disaster, dass nicht nur keine New Yorkerin jemals diese Art Zopfgummi tragen würde, sondern auch, dass dieser Haarschmuck so out ist, dass er nicht mal in den 90ern hätte in sein dürfen.

Immer wieder schnäuzte sie sich aggressiv die Nase, was auf einen starken Schnupfen oder auf die gemeinsame besondere Form des kommunikativen Austausches mit ihrem Tischpartner hätte schließen können. Vielleicht gar für beides. Vielleicht lag es an mir und ich hatte bisher einfach noch nichts von dieser Art der geheimen Kommunikation gehört? Ihre wirr zusammengewürfelten Kleidungsstücke sahen aus als hätte sie keine Zeit gehabt noch einmal näher in die Farblehre und in die berechtigten Fragestellungen „Wie trage ich was und welche Farben passen eigentlich zusammen?“ einzutauchen. Keine Zeit? Keine Lust? Oder schon im Vorhinein kein Interesse daran gehabt sich Mühe zu geben für einen Mann der sich nicht einmal die Mühe machte sich beim gemeinsamen Mittagessen zu setzen? Geschweige denn zu sprechen?

Was für eine Art Treffen war das bloß?

Auch als ihre Mahlzeiten gebracht wurden konnten sie dem Kellner zwar danken, aber geschwiegen wurde weiterhin. Ich meine, beim Essen finde ich das ja sogar ganz geil. Ich habe auch gerne meine Ruhe wenn ich genieße und möchte an dieser Stelle unbedingt Renate grüßen, die ich bis heute zwar nie wieder gesehen habe, aber doch sicher bin, dass sie auch weiterhin nicht nur am Valentinstag ihr Mittagsmahl und ihr großes Bier in aller Ruhe zelebriert.

Aber Renate hat sich dafür wenigstens hingesetzt. Der komische Kauz der gleichsam kauzig anmutenden Frau blieb auch beim Essen stehen und behielt seine schwarze Steppjacke an. Sehr viel mehr konnte ich von ihm nicht erkennen, da er mit dem Rücken zu mir stand, aber im Gegensatz zu seiner Tischdame ließ er keinerlei Farben für sich sprechen. Vielleicht sollten die schwarzen Töne seines Outfits sein mysteriöses Schweigestehen unterstreichen, wer weiß.

Fast machte es den Anschein als gehörten die beiden gar nicht zusammen sondern würden sich nur zufällig einen Tisch teilen. Da aber genügend andere Tische frei waren, war ich mir sicher, dass auch diese Möglichkeit nicht zutreffen würde.

Als kurze Zeit später die Teller der beiden abgeräumt wurden blieben sie noch eine Weile, überraschenderweise ohne zu sprechen, sitzen. Ich bekam das meiste nur noch aus dem Augenwinkel mit und musste mich mit dem unausgesprochenen Schweigegelübde der beiden abfinden, bis auf einmal Leben in die Bude kam. Und zwar nicht zu knapp. Denn auf einmal beugte sich die Frau die an dem Tag als die Farblehre durchgenommen wurde den Kunstunterricht geschwänzt hatte vor und flüsterte dem schwarzgekleideten Stehgeiger laut genug, aber so dass ich es hören konnte, zu: „Das ist jetzt Deine letzte Chance doch noch auszusteigen!!“

Geil! Alter, worum ging es hier denn jetzt auf einmal? Waren die beiden vielleicht doch auf der Flucht und sahen deswegen so aus, als hätten sie keine Zeit gehabt den Kleiderschrank am Morgen eingehender zu inspizieren? Waren sie noch nicht ganz auf der Flucht sondern erst jetzt auf dem Weg und in Begriff eine Bank auszurauben, mit gut gefülltem Ranzen, die gute alte Henkersmahlzeit also, falls die Flucht etwas länger dauern würde als geplant? Konnten sie gar aus diesem Grund vor Anspannung nicht sprechen, entweder um nicht aufzufallen oder weil ihnen die Aufregung sonst zu sehr auf den Magen schlagen würde? Hatte er aus diesem Grund auch nicht getrunken weil schließlich einer das Fluchtauto fahren musste, und einer, in diesem Fall sie, genug Mumm haben musste „Geld her oder ich schieße!“ zu rufen und sich dafür noch ein wenig Mut antrinken musste?

Fragen über Fragen, und wieder einmal keine Antworten. Weil es die leider nicht immer gibt. Aber möglich ist alles. Zumindest habe ich sie am Ende miteinander sprechen hören als sie sich einigten sich auf den Weg zu machen nachdem sie gezahlt hatten. Und jetzt, jetzt spielen sie vielleicht schon Bonnie und Clyde und sausen nicht nur mit wehendem Haar über alle Berge sondern haben auch irgendeine Bank ausgeraubt deren Beute ihnen nicht nur eine Freiheit in Sorglosigkeit sondern auch die Aussicht auf schönere Haaraccessoires verspricht. Solltet Ihr also in den Nachrichten von einem Banküberfall hören, so wisst Ihr nun wer es war. Und mich sollte es nicht wundern wenn die Ermittler irgendwo ein Haargummi als vielleicht einziges Indiz finden würden. Und dieses letztendlich vielleicht doch nur eine falsche Fährte legen sollte...

In diesem Fall haben die beiden also nicht nur zusammen zu Mittag gegessen, sie haben auch zusammen eine Bank ausgeraubt. Und was, bitte, kann man denn geileres zusammen unternehmen? Das kann doch nun wirklich keiner mehr toppen! So geht das mit dem „etwas zusammen machen!“ Da habe ich am Ende also doch noch was gelernt.

In diesem Sinne, Kinder, es lohnt sich immer die Augen offen zu halten. Schließlich könnt Ihr nie wissen welche zukünftigen Millionäre neben Euch ihren Backfisch essen. Ob die beiden wohl schon in New York angekommen sind? Have a beautiful tuesday night, lovers. Enjoy!

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