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Modebewusst


Kinder, ich begrüße Euch herzlich und hoffe Ihr habt in diesem Jahr schon genauso viel verheißungsvollen und teilweise auch sinnlosen Schabernack getrieben wie ich. Kürzlich höre ich immer wieder und immer öfter von einem neuen, sodenn es denn auch neu ist?, Phänomen, dass sich in Insider-Kreisen "Offene Beziehung" nennt. In Outsider-Kreisen würde man wahrscheinlich eher sagen, dass es sich hierbei um "Fremdgehen ohne Hindernisse" handelt, aber was weiß ich schon, ich gehöre schließlich keinem dieser beiden elitären Kreise an.

Für diejenigen unter Euch, die sich jetzt irritiert fragen wovon hier bloß die Rede sein könnte, möchte ich gerne anhand einiger unlauterer Eintragungen in einschlägigen Netzwerken unterstützend verdeutlichen worum es sich bei diesen sogenannten "Offenen Beziehungen" die jüngst allerdings auch gerne als „Alternative Beziehungen“ bezeichnet werden handelt. Ihr wisst ja, jeden Tag was Neues!

Er, 34
Fantasie muss grenzenlos sein dürfen. Gezähmt wäre sie keine Fantasie.
- Globetrotter
- in glücklicher offener Beziehung
- Heimat Hamburg
- sie: 29 @ home
- er: 34 beruflich oft auf Reisen
- nichts beliebiges
- keine Moralapostel
- keine Brieffreundschaft
- keine langweiligen "bla-bla-Dates"
Klartext?
- Sie schläft mit Männern.
- Er schläft mit Frauen.
- Falls es daraus jemand besonders charmantes gibt, könnte es zum "zu dritt" kommen
- keine Ausnahmen

Er, 31
Keine ONS und nicht auf der Suche nach der großen Liebe, die habe ich bereits gefunden, bin aber an einer interessanten Frau für eine längerfristige Freundschaft Plus interessiert.
Verpass nicht das Leben.
Meine Partnerin hat ebenfalls eine Freundschaft Plus.

Er, 42
Unverhofft und ohne Vorwarnung mitten im amüsanten und charmanten Schreiben: "Nur zur Info: Ich bin nur zum Spielen da. Ich habe eine Freundin. Wir führen eine Offene Beziehung."

So Kinder, so viel erst mal zu dem was in dieser Welt sonst so los ist. Allerdings frage ich mich interessiert: Kann das funktionieren?

Was genau hat es damit auf sich? Wo kommt es her? Ist das ein Überbleibsel aus der Kommunen-Zeit der späten wilden 68er? Wird diese Zeit gerade neu aufgelegt? Ist das wie mit der Mode wenn unsere Mütter ihre Kleidung aus längst vergangenen Tagen behalten und sagen: „Das kommt alles irgendwann wieder. Und dann kannst Du’s haben!“ Kommen demnach auch Mehrfachbeziehungen wieder in Mode? Oder aber, und ich komme nicht umhin das zu fragen, waren sie jemals wirklich in Mode? Oder war das nur eine Idee von wenigen die damit etwas ausfüllen wollten wo ihnen insgesamt etwas gefehlt hat? Denn so sehr all diese Vertreter von Offenen, Alternativen, Freien oder wie auch immer gearteten Beziehungen auch dafür plädieren, dass ihnen rein gar nichts fehlt, so sage ich Euch doch: Das kann gar nicht sein. Aber des Menschen Wille ist sein Himmelreich.

Ich habe mich darüber mit einem der Jünglinge einfach mal unterhalten und habe dabei erfahren, dass eine „Offene Beziehung“, man könnte sie seines Erachtens vielleicht aber dann doch eher „Alternative Beziehung“ nennen, harte Arbeit ist und es an sehr viel Kommunikation und gutem Miteinander bedarf um eine solche Form der Beziehung führen zu können. Plus, und damit meine ich gerade nicht dieses besagte „Freundschaft Plus“, die Dame, die den Sprung zur Ernennung des fünften Rades am Wagen schaffen sollte, muss sich von Anbeginn an darüber klar sein, dass sie nur eine bestimmte Rolle erfüllen wird, und zwar genau die, die die Partnerin nicht erfüllt. Oder die, die die Partnerin nicht bedienen kann. Entweder weil sie es tatsächlich nicht kann, oder weil sie es nicht will. Oder was auch immer der Grund sein mag.

Und so holt sich der Jüngling bei seiner heißen Nummer für alle Fälle zwar Appetit, gegessen allerdings wird zu Hause. Und damit meine ich nicht, dass es keinen Sex gibt. Denn für Sex ist das fünfte Rad am Wagen ja genau da!! Aber eigentlich nur um wilde Sau zu spielen und das zu machen was zu Hause nicht möglich ist. Oder vielleicht auch was zu Hause "noch nicht" möglich ist, lange nicht möglich war, was vielleicht einfach auch nur die Phantasie für die Fortsetzung und die intime Kommunikation im Anschluss mit der Partnerin zu Hause beflügelt. Um auszuprobieren und um herauszufinden was noch alles gehen kann. Um Grenzen zu überschreiten die man mit dem Partner nicht überschreiten kann oder noch nicht überschritten hat. Um zu üben. Um voranzukommen. Um sich auszuprobieren. Um mehr zu bekommen als das was man schon hat. Und um das fünfte Rad als Reserverad so lange zu nutzen bis sich der dünne Reifen abgefahren hat und es in die Werkstatt gebracht, dann aber dort abgestellt und vergessen wird, die Fahrt mit der Partnerin jedoch ungestüm weitergehen kann. Bis dahin eilt man nach jedem wilden Ritt mit wehendem Haar zu ihr nach Hause um haarklein mit ihr zu besprechen was mit der anderen lief und inwieweit man sich heute austoben konnte um somit schon mal zu klären und sich in Vorfreude auszuschweifen wohin die Reise geht wenn alle Reifen auch ohne Reserverad wieder einwandfrei fahren!

Partnerschaft der Zukunft in unserer beziehungs-zerrütteten Welt in der alle stets und ständig und fast schon, nein ohne fast, stolz herausposaunen, dass sie beziehungsunfähig sind komme ich noch einmal nicht umhin mich zu fragen: Wo führt das hin? Und: Wollen wir das wirklich?

Oder, um vielleicht schon ein wenig eher einzusteigen, wann hat das eigentlich angefangen? Gab es das schon immer? Auch vor den 68ern? Oder brauchen wir stets und ständig von allem noch mehr weil uns das was wir haben nicht ausreicht? Versteht mich nicht falsch, ich bin weiterhin Fan von „Jeden Tag etwas Neues ausprobieren“, aber das muss nicht zwangsläufig eine Offene Beziehung sein. Ich meine, man muss ja nicht jeden Scheiß mitmachen. Aber dennoch, für immer mehr Menschen, zumindest scheint es mir so, vielleicht habe ich aber auch einfach nur zu viele zwielichtige Kontakte, scheint es das neue Kleine Schwarze zu sein, das neue Chanel No. 5, der neue Manolo Blahnik, kurzum, das Must-Have, das in keinem Kleiderschrank und in keinem Kulturbeutel fehlen darf. Alles andere ist kalter Kaffee, oder schaler Sekt. Ich glaube letzteres ist sogar noch viel schlimmer. Ich frage da sonst einfach noch mal nach wie die Miterfinder dieser oben genannten Beziehungsformen das denn eigentlich sehen.

Aber, nun noch einmal zurück. Woher kommt das nun? Dieses mehr-wollen, eine Zweitfreundin, einen Zweitfreund, eine Geliebte, einen Geliebten, einen zusätzlichen Sexpartner, weil wir alles andere schließlich schon haben und uns trotzdem etwas fehlt? Und uns das was wir haben nun mal eben einfach nicht ausreicht? Weil wir Menschen sind und nie genug bekommen, nie genug haben können? Ist das menschlich? Oder ist das einfach nur scheiße und gemein? Und ist das vielleicht sogar irgendwie das gleiche, weil Menschen nicht nur gute sondern auch schlechte Eigenschaften haben? Und manche Menschen leben in unserer freien Welt beide Seiten aus? Habt Ihr eine Antwort? Und wie lange könnte man darüber diskutieren und würde vielleicht zu keinem einträglichen Ergebnis kommen weil es tatsächlich für jeden der es hat oder der es tut etwas ganz eigenes bedeutet? Müssen wir alles verstehen? Oder ist es das was es kompliziert macht? Wir denken wir müssen und wir denken wir haben eine Antwort aber dann fällt uns selbst auf, dass diese vielleicht auch nicht ganz eindeutig ist, weil, ach, auch in unserer Brust zwei Herzen schlagen? Das der Vernunft und das der Versuchung? Sind wir Menschen von Grund auf böse? Oder ist dies nur der eindeutige Nachweis dass wir wirklich von den Tieren abstammen? Wobei, nicht alle Tiere führen Offene Beziehungen. Ich meine jetzt aber auch eher das Animalische, Triebgesteuerte, das Impulsive.

Und so frage ich noch einmal: Offene Beziehung, Alternative Beziehung, Freundschaft Plus, Plus mit Freundschaft, Fremdgehen ohne Hindernisse, man könnte die Liste ewig weiterspinnen und immer neue Worte für das finden was da eigentlich stattfindet. Und das ist am Ende, so weitreichend und klug wir auch meinen unsere Worte dafür zu finden, eben einfach doch schlichtweg Betrug. Weil uns das was wir haben nicht reicht. Eben weil uns etwas fehlt, etwas Essenzielles, etwas Wichtiges, etwas das wir brauchen wie die Luft zum atmen. Denn sonst würden wir das nicht tun. Uns mit Absicht jemand Zusätzlichen suchen. Und auch wenn wir noch so sehr vorgeben wie entspannt wir doch damit sind wenn unser Partner das gleiche tut, eben weil man das halt so macht in so einer Form der wie auch immer gearteten Beziehung, so glaube ich am Ende niemandem dass er tief in seinem Herzen auch wirklich tiefenentspannt damit ist.

Wo also kommt er her der Trend? Finden wir nicht genug andere neue Dinge zum Ausprobieren? Können wir so oder so nie genug bekommen? Weil die Versuchung ewig lockt und weil es diejenigen gibt die dieser Versuchung offen nachgehen und sich damit wagemutig über die Brüstung des Lebens lehnen? Und alle anderen sich nur einfach nicht trauen? Oder weil wir uns zu schnell zufrieden geben mit jemandem den wir gut aber nicht toll finden und uns dann in dieser Beziehung einrichten und die Gewohnheit zu unserem größten Feind wird und wir uns nicht mehr lösen können oder wollen oder beides und das obwohl uns vielleicht an anderer Stelle dieser böse schlimme Blitz getroffen hat von dem wir dachten den gäbe es nur im Märchen und dann gibt es ihn in echt? Huch? Wie konnte das passieren? Und wohin mit dem Blitz wenn die Gewohnheit so herrlich gemütlich ist?

Tja, Kinder, dafür gibt es nun also eine Lösung, denn dafür wurde sie erfunden, die Offene Beziehung, die Alternative Beziehung, die Freundschaft Plus, das Plus mit Freundschaft, das Miteinandersein ohne Regeln. Damit man auch außerhalb von schweren Gewittern vom Blitz getroffen werden kann, damit man sich auch ohne einen Kamin zu haben am offenen Feuer verbrennen kann, damit man ganz einfach alles haben kann. Denn genau das wollen wir gierigen Menschen noch immer, immer wieder, werden es vielleicht immer wollen. Alles. Denn genug ist nicht genug. Und was für ein Glück wenn unserem Partner, unserer Partnerin genug auch nicht genug ist. Dann ist alles noch viel einfacher. Und dumm ist nur der unsägliche Dritte der nicht ahnen kann dass es bessere Ideen auf dieser Welt gibt als sich auf so etwas einzulassen. Aber im Zuge des Jeden-Tag-etwas-Neues-Ausprobierens können diejenigen es dann zumindest auf ihre Abgehakt-Liste setzen. Und wir alle können uns neuen Neuen Dingen widmen.

Kinder, ich sage es nicht zum ersten Mal: Some paths can’t be discovered without getting lost. Und wie ich auch gerne zu sagen pflege gibt es eben nicht auf alles eine Antwort. Aber ich finde man darf und man sollte trotzdem drüber sprechen. Denn auf diese Weise findet man heraus wie man selbst zu den Dingen steht. Und lernt sich selbst nur noch besser kennen. Und diese Nähe zu uns selbst, liebe Freunde der ungeklärten Fragen, diese Nähe kann uns keine Offene, Alternative oder wie auch immer geartete Beziehung geben, diese Nähe können wir nur in uns selbst finden und sie mit uns selbst zelebrieren.

In diesem Sinne: Auf zu den nächsten Rätseln. Sodenn es nicht auf alles eine Antwort gibt, gibt es für alles eine Lösung. Have a very happy wednesday, lovers. Enjoy the night with your heart wide open!

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