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Mister X und sein Sammelalbum

Kinder, es gibt sie immer wieder, die wilden Momente im Leben in denen man nichtsahnend von einem frühen Samstagmorgen-Spaziergang nach Hause kommt und zunächst einen Anruf von Anonym nebst einigen Nachrichten von einem Typen auf dem Display seines Handys vorfindet, den man vor einigen Monaten kennengelernt und bei dem man sich als Nummerngirl verdingt hat. Die aufmerksamen Leser werden wissen was damit gemeint ist, den Neueinsteigern verrate ich gerne worum es sich dabei handelt: als Nummerngirl habe ich mir dieses Jahr einen Namen gemacht weil ich ein paar Typen auf ihre Nachfrage hin (gut, einem auch einfach so) meine Nummer gegeben habe und sie sich dennoch nie gemeldet haben. So auch bei diesem Mann mit dem meine Freundin und ich zusammen mit seinem Freund einen überaus amüsanten Abend in einer dieser verruchten Winterhuder Bars verbracht haben. Zufällig kennengelernt, viel gelacht, bestens amüsiert. Aber die spontanen Abende sind oft auch die allerbesten. Habe ich zumindest irgendwo mal gehört.

Bereits auf dem Nachhauseweg begann ich zu überlegen woher ich den Mann kannte und warum mir sein Name so bekannt vorkam. Aber so gründlich ich auch nachdachte, des Rätsels Lösung fiel mir erst am nächsten Tag ein. Und dass ich ihm schon seit Jahren einen Dank schuldig war. Also tippte ich in der darauffolgenden Woche die untenstehende Nachricht in die Tasten meines Smartphones und schickte sie an den Mann, von dem ich immer noch hoffte, dass er kein Nummerngirl-Sammler war:

Mister X, mir ist mittlerweile wieder eingefallen woher ich Dich kenne: Das muss jetzt sieben oder acht Jahre her sein, Anfang Herbst. Ich hatte damals einen Fahrradunfall und bin mit dem Kinn auf den Asphalt gestürzt, direkt an der Alster Fernsicht/Ecke Bellevue. Du warst der einzige Autofahrer der angehalten hat und ausgestiegen ist und mir aufgeholfen hat, Du hast mir ein Taschentuch gegeben um das Blut am Kinn zu stillen und Du hast mir sogar noch Deine Visitenkarte gegeben falls ich etwas brauche. Ich wollte mich eigentlich immer melden und bedanken, hab mich aber nicht getraut weil ich nicht wusste was ich sagen soll. Und ich habe den ganzen Abend gerätselt und dann kam es mir in den Sinn woher ich Deinen Namen kenne: Mister X, der (ich lasse die Berufsbezeichnung netterweise aus) von der Visitenkarte und meinem Fahrradunfall. Danke für damals und für Deine Hilfe. Ich hab’s nie vergessen. Ich hoffe, Dir geht es gut. Liebe Grüße, Charlotte

Die Antwort folgte wenig später:

Hallo, ja, das stimmt. Ich erinnere mich dran! Schöne Grüße, melde mich nächste Woche. Mister X

Also wartete ich. Und wartete. Und verstand irgendwann auch nicht mehr so ganz genau worauf ich eigentlich wartete und warum überhaupt. Und dann hörte ich auf mit dem Warten, weil es mir zu anstrengend wurde und ich nicht mehr wusste welchen Fehler ich noch bei mir suchen sollte aus dessen Grund dieser Mann mich nach unserem amüsant-fulminanten Abend mit unseren Freunden nicht anrief.

Wie so oft im Leben bekommt man meist erst dann eine Antwort wenn man sie nicht mehr sucht. Oder nicht mehr braucht. Oder eben einfach sehr sehr spät. So geschehen am vergangenen Samstagvormittag. Wie bereits beschrieben kam ich nach einem frühen Spaziergang nach Hause und fand diesen besagten anonymen Anruf (wer zur Hölle ruft heutzutage eigentlich noch anonym an außer wenn er oder sie etwas zu verbergen hat?!) und die nachfolgenden Nachrichten auf meinem Handy:

Hallo Charlotte, meine Freundin hat Deine Nummer gefunden. Wenn sie Dich anruft kenne Dich durch Unfall und dann durch Zufall getroffen. Sonst macht sie Stress.

Mister X.

Als ich noch überlegte ob ich herzhaft lachen oder nach dem Mittelfinger-Smiley suchen sollte trudelten zwei weitere Nachrichten ein:

Oder am besten wir kennen uns nicht.

Danke.

Da fällt mir nur noch eins ein: Bitte. Ach, nee, warte: Geht’s noch? Das wollte ich eigentlich sagen. Um dann jedoch kurz innezuhalten und wenig später doch in herzhaftes Lachen auszubrechen. Zumindest hatte ich endlich eine Antwort bekommen, wenn auch auf eigenartig getarnte Art und Weise. Der Typ hatte sich zu Beginn des Abends als Single ausgegeben! Da er das aber gar nicht war, konnte er wahrscheinlich, zurück in der heimischen Realität, auch nur allzu schlecht zurück in die Zauberwelt schleichen um sich wie angekündigt und fest versprochen bei mir zu melden. Schließlich war er vergeben! Das geht doch nicht! Nummern sammeln, klar. Das ist das eine. Aber wahrscheinlich eher so für’s Ego. Um sie im Hobby-Raum in einem schrammeligen Notizbuch eingeklebt in eine dunkle Schublade zu stecken und immer mal heimlich rausholen zu können, wenn das benannte Ego so weit im Keller liegt wie der Hobby-Raum selbst. Das ist doch so richtig was für’s Herz so ein Sammelalbum, ich glaube so was in der Art lege ich mir jetzt auch zu. Ich habe zwar keinen Hobby-Raum, aber mein Ego ist auch nicht so weit im Keller. Ach, dann brauche ich das Sammelalbum ja gar nicht. Und die Mühe spare ich mir lieber auch. Denn bei näherer Überlegung klingt das ziemlich armselig. Auch wenn wir alle mal ein paar seelische Streicheleinheiten gebrauchen können, wäre ein adäquater Umgang mit der Wahrheit von vorneherein durchaus hilfreich um sich selbst nicht die ganze Zeit zu fragen wo zum Teufel der eigene Fehler liegen muss den der Mann mit dem man sich eine ganze Nacht lang blendend unterhalten hat scheinbar ziemlich schnell ausfindig gemacht haben muss und aus dessen Grund er sich vermeintlich, obwohl er es heißherzig versprochen hat, dann eben doch nie meldet. Fehler gefunden. Es lag nicht an mir. Er hat eine Freundin. Ich weiß es jetzt.

Auch sie muss wissen, dass ihr Freund eine Vorliebe für nette Konversationen hat und ich will nicht wissen, ob sie lediglich meine Nummer auf dem Notizzettel der Bar oder gleich sein gesamtes Little Black Book gefunden hat. Ich hoffe für ihn, dass es hinter verschlossener Schublade in seinem Keller liegt und der Schlüssel gut versteckt ist. Ach, nein, wisst Ihr was, ehrlich gesagt ist es mir egal. Auf Einzel-Schicksale kann ich keine Rücksicht mehr nehmen. Und das gute daran ist: ich muss es auch nicht.

Übrig bleibt der Gedanke, dass es schade ist, dass manche Dinge so sind wie sie sind und dass es fabelhaft toll wäre, wenn man den Mann seines Lebens nicht auf tausenderlei Irrwegen kennenlernen könnte. Und zwar einen der zu haben ist. Auf der anderen Seite tut es gut zu wissen, dass man sich manchmal viel zu viele Gedanken über die eigenen vermeintlichen Fehler macht um dann feststellen zu müssen, dass manche Dinge, viele Dinge, gar nichts mit einem selbst zu tun haben sondern mit den Lebensumständen des anderen. Denn am Ende, Kinder, ich sage es Euch, geht es immer um einen selbst. Und nicht um die anderen.

Was lernen wir daraus? Wie aus jeder Anekdote ziemlich viel. Natürlich macht es Sinn sich zuerst an die eigene Nase zu fassen. Aber wenn sich diese gut anfühlt, dann dürfen wir durchaus auf die Nase unseres Gegenübers schauen. Und finden dabei vielleicht heraus, dass nicht alles was nicht optimal verläuft unser Fehler ist.

Es bleibt spannend. Wie immer. Aber was wäre das Leben wenn nicht ein aufregendes Abenteuer? Have an awesome thursday night, lovers. Enjoy! And make sure to believe in the good. Always. No matter what.

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